Universität von Californien gegen 400 Prozent Preissteigerung von Nature Wed, Jun 9. 2010
In einem Brief [1] weist die University of California, USA darauf hin, dass die Nature Publishing Group (NPG) für das Paket ihrer 67 Zeitschriften (cite licence fee) den Preis für die UC um 400 Prozent erhöhen will, für die UC wären dies ca. 1 Mill US$ pro Jahr.
Diese agressive Politik von NPG gegenüber der UC stehe in scharfem Kontrast zu einem kooperativeren Verhalten anderer Wissenschaftsverlage, die auf den Appell der UC vom 26.Mai 2009 [2] für eine gemeinsame Suche nach Auswegen und Lösungen, die der Zeitschriften-Kosten-Steigerung und den sinkenden Bibliotheks-Budgets Rechnung tragen, eingegangen sind.
UC schlägt einen Boykott gegen NPG vor, nachdem frühere Aktionen dieser Art als Erfolg angesehen wurden, so von UCSF gegen Elsevier und Cellpress in 2003 [3]
Die Forderungen von NPG gegenüber UC stehen im Widerspruch zu der Verkündung von NPG [4], für die Jahre 2009 - 2012 (nur) 7 Prozent jährlicher Preisanstiege [4].
Bereits 2001 hat eine von Bernd-Christoph Kämper [5] koordinierte internationale Diskussion und ein entsprechender Informationsaustausch einer Vielzahl von Bibliotheken zu einem eindrucksvollen Einlenken von NPG geführt. Eine Wiederbelebung dieser so erfolgreichen und vor allem auch noch immer informativen Plattform würde wesentlich zu faireren und ausgewogeneren Preisen beitragen können.
Über das Verhältnis von Subskriptions-Zeitschriften-Preisen und -Herstellungskosten ist in der Vergangenheit ausreichend diskutiert worden [7]. Interessant sind aber einige neuere Zahlen:
- Nach einer Hochrechnung der UC [1] haben Autoren der UC, die in NPG Zeitschriften publiziert haben (etwa 5.300 in den letzten 6 Jahren, davon 638 in Nature) dadurch zum Gewinn von NPG mit etwa 19 Mill US$ beigetragen, -- also mehr als 3 Mill. US$ pro Jahr.
Das legt in der Tat ein anderes Geschäftsmodell nahe, in dem die Zeitschriften die Hochschul-Leistungen auch bezahlen, - neben den Autoren auch für die bisher unendgeltlichen Gutachter-, Editoren-, Beratungsleistungen....
Und es lohnt ein Vergleich zu den Kosten von dem Open Access-Archiv ArXiv. Bei ihm findet de facto das Begutachten nach der Publikation und freiwillig statt: durch die Möglichkeit für jeden Experten, selbst eine Stellungnahme im ArXiv zu verfassen. Das Fehlen jeder Resonanz ist dann ebenso ein Urteil wie rasche Folgeartikel der engeren erwiesen kompetenten Fachcommunity. Diese 'dynamische' Qualitätsfilterung ist ungewohnt, aber offen und erkennt besser Fehler, Fakes und marginale Paper als das verdeckte und nicht transparente Gutachtersystem der Zeitschriften.
Die Cornell University betreibt das ArXiv ja seit 2001 und will nun die Unkosten international auf die finanziell potenteren Wissenschaftsinstitute/-ionen umlegen [8].
Geschätzt wurden die Kosten des jährlichen Betriebes auf 400.000,- US$, also etwa 7 US$ pro aufgenommenen Artikel bzw. 1,4 Cent pro Download. Dabei kamen etwa 12,5% der Downloads aus Deutschland. Die TIB Hannover wird den deutschen Beitrag zur Fortführung des ArXiv organisieren.
Nachtrag 11.6.2010:
Die Klarstellung [9] des UC vom 10.6.2010 besagt, dass selbst eine jährliche Preisanhebung von 7% die Inflationsrate um mindestens das Dreifache übersteigen würde,- und angesichts der eher fallenden Bibliotheks-Budgets schlicht nicht bezahlbar sind.
Im Zeitraum 2005-2009 hat NPG die licence fee für UC um 137% erhöht.
UC verweist auf einen interessanten Artikel von Andrew Odlyzko (in NATURE, sic!), dass die Kosten für online Artikel nur für die erste Kopie entstehen, also unabhängig von der Nutzung und Größe der Leserschaar sind im Unterschied zur print copy.
Interessant ist auch die Analyse der wissenschaftlichen Zeitschriftenpreise im Lichte der 'Preis-Diversifizierungsstrategie', bei der also von verschiedenen Kunden unterschiedliche Preise verlangt werden.
Teilweise werden die Preise für online-Zeitschriften an die Stellung im Ranking (Carnegie Classification) gebunden, oder an die Zahl der in dieser Institution publizierten Artikel pro Jahr.
Die Strategie von UC jedenfalls, die Beiträge aus der UC in Zeitschriften der NPG mit ihrem Beitrag zur Attraktivität und Qualität der NPG Zeitschriften dieser in Rechnung zu stellen, könnte für alle wissenschaftlichen Institutionen interessant sein.
Im Effekt sollte sich dann der Preis einer Zeitschrift als Resultat einer gemeinsamen Verantwortung von Autoren-Institutionen und Verlag ergeben (etwa dem Konzept von SCOAP3 entsprechend).
Bemerkung: Im zweiten Brief bemerkt UC nachträglich, dass der erste Brief nicht öffentlich gemeint war, sich aber an die eigene -- sehr große -- Fakultät richtete und so an die Öffentlichkeit gelangt sei. Inzwischen ist jedoch eine breite internationale Diskussion über diesen Case entstanden, die ohne Kenntnis des ersten Briefes nicht mehr verständlich wäre. Er enthält selbst auch keinen Vertraulichkeitsvermerk, sondern steht auf dem öffentlichen Teil des UCDL Servers.
Die Klarstellung der UC ist eine Antwort auf das offiziöse Statement von NPG vom 9. Juni 2010 [11]. In ihr beklagt NPG, dass sie die Preisverhandlungen gerne vertraulich gehalten hätten. So lässt sich die Preis-Diversifizierung besser aufrechterhalten.
NPG beklagt, dass UC bisher einen 'unfair niedrigen Preis' bezahlt habe. Interessant ist der Gedanke von NPG, man könnte vielleicht die Lizenzgebühr an die Zahl der lokalen Zitationen zu Nature Zeitschriften koppeln, als Maß für den Wert einer Zeitschrift für eine Institution.
Jedenfalls ist der Inhalt der Diskussion von öffentlichem, internationalem Interesse [12], denn die Preisdiversifizierung ist sehr hoch, und bei jedem Verlag wieder anders, die herangezogenen Kriterien und Maße sind im Experimentierstadium und die Mitwirkung der Leser-und-Autoren-Institutionen an der Preisgestaltung ist noch zu embryonal, würde aber dem Web-2.0 Gedanken am besten entsprechen.
[1] Informational Update on a possible UC systemwide boycott of the Nature Publishing Group; letter of the University of California, Office of the President, California Digital Library; June 4 2010; http://libraries.ucsd.edu/collections/Nature_Faculty_Letter-June_2010.pdf
[2] Open Letter to Licensed Content Providers; letter of the University of California, Office of the President, California Digital Library; 26. Mai 2009 www.cdlib.org/news/docs/UC_Libraries_Open_Letter_to_Vendors.pd
[3] UC-Elsevier Deal Stops Inflation; Andrew Albanese; Library Journal 02/15/2004
www.libraryjournal.com/article/CA379265.html
[4] NPG's annual letter to customers (2009); 17.Sept.2009; Steven Inchcoombe, Managing Director, Nature Publishing Group;
www.nature.com/press_releases/npgletter.html
[5] Nature - what other libraries say; Web-Site (english), die Informationen der Bibliotheken in Bezug auf NPG Lizenzen zusammenführte; Bernd-Christoph Kämper, Electronic Resources Coordinator, Stuttgart University Library, Germany.
zuletzt aktualisiert: Juli 2002;
www.ub.uni-stuttgart.de/ejournals/Nature_andere_Univ.html
[6] Die Kosten von Open Access; Blog Zugang zum Wissen; Eberhard R. Hilf;18. Juni 2009; www.zugang-zum-wissen.de/journal/archives/83-Die-Kosten-von-Open-Access.html
[7] Ein unverzichtbares Werkzeug; Robert Klanner; Physik Journal; 9 (2010) Nr.6 Seite 2
[8] arxiv.org/help
[9] Response from the University of California to the Public statement of Nature Publishing Group regarding subscription renewals at the California Digital Library; Jun2 10, 2010;
http://osc.universityofcalifornia.edu/news/UC_Response_to_Nature_Publishing_Group.pdf">osc.universityofcalifornia.edu/news/UC_Response_to_Nature_Publishing_Group.pdf
[10] Why electronic publishing means people will pay different prices; Andrew Odlyzko, 11. June 2010; Nature;
http://www.nature.com/nature/focus/accessdebate/7.html
[11] Public statement from Nature Publishing Group regarding subscription renewals at California Digital Library (CDL); Nature, June 9, 2010
/www.nature.com/press_releases/cdl.html; ohne Autor.
[12] Dank geht an die INETBIB-Diskussionsliste, insbesondere die Hinweise dort von Harald Müller, MPIL Heidelberg
http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg42399.html
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#1 - Christian Gutknecht 2010-06-09 23:43 - (Reply)
Der Vorschlag zur "dynamischen Qualitätsfilterung" ist tatsächlich sehr ungewohnt.
Arxiv enthält einerseits Preprints ohne externe Begutachtung und anderseits Post-Prints aus Zeitschriften mit externer Begutachtung. Diese Kombiation macht es wohl aus, dass Arxiv funktioniert. Aber die Tatsache, dass viele Artikel trotz einer frühen Hinterlegung auf Arxiv, dennoch klassisch in einer Zeitschrift publiziert werden, deutet darauf hin, dass Wissenschaftler der (Nicht-)Resonanz nur auf Arxiv doch nicht ganz trauen.
#1.1 - Eberhard R. Hilf said:
2010-06-10 13:25 - (Reply)
Ich vermute, dass viele Autoren ihre Arbeiten sekundaer auch zu einer wiss.Zeitschrift senden, als Gründe hat:
- Traditionell wird das ArXiv als Preprint Archiv angesehen, und man würde gern von der Akzeptierung eines Journals profitieren, positiv begutachtet worden zu sein (wenn auch unbekannt bleibt, wie kompetent dieser ist), man ist gewürdigt worden, - auch wenn offen bleibt, wie gerne der Gutachter dies tat. Der berühmte Physiker Zinn-Justin hat beklagt, dass die meisten der Paper, die er zu begutachten hat, 'marginal' seien im Inhalt, d.h. nur einen unwesentlichen Fortschritt in der Wissenschaft darstellen.
In der de facto Bewertung eines ArXiv Artikels durch die Community äußert sich dies durch Nichtbeachtung. Freiwillig liest/kommentiert/zitiert niemand einen marginalen Artikel. Eine de facto negative Bewertung ergibt sich aus der Resonanz in Form von Gegenartikeln, die bei ArXiv erscheinen, und entsprechend bei positiven Papern, solchen die zum inhaltlichen Fortschritt beitragen.
Vorteile sind also: die ganze Community kann sich früh beteiligen; Der geborgte Schein eines Journal-Impact Faktors, geborgt, weil von anderen Autoren in der Zeitschrift erzeugt, entfällt.
Fazit: das ArXiv hat in gewisser Weise die Möglichkeiten des Web 2.0 vorweggenommen, das Produkt wiss. Zeitschrift dagegen nicht.
#2 - Marten said:
2011-02-10 00:56 - (Reply)
Schade, dass hier seit fast einem Jahr Pause ist. Bin früher immer gerne zum lesen gekommen.


